Der lange Lauf aus der Armut
Presse, Marathon 2008Kidus Gebremeskel aus Äthiopien ist mit mainfränkischer Hilfe auf dem Sprung in die Marathon-Elite
Der Auftakt ist gemacht. Souverän (1:04:57 Stunden) hat der Äthiopier Kidus Gebremeskel am Sonntag den Halbmarathon in Gemünden gewonnen. Seine nächsten grossen Ziele: der Residenzlauf und dann vor allem der Würzburger Marathon. Der 51-Kilo-Mann will sich in die Weltelite laufen und damit einem Leben in Armut entfliehen.
Kidus Gebremeskel trainiert eisern. An die 200 Kilometer pro Woche hat der 25-Jährige in den vergangenen Monaten heruntergespult einsam oder mit Kollegen aus seinem Laufverein in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba. Dort, in einer Höhe von 2500 Metern, rennen sie trotz widriger Lebensumstände. Von einer ausgetüftelten Sportler-Ernährung wie in Europa kann Gebremeskel nur träumen. Er ist schon froh, wenn er genug zu essen und ordentliche Laufschuhe hat.
In seiner kleinen Wohnung am Stadtrand hat er mittlerweile noch seine jüngere Schwester aufgenommen und sorgt für die Schülerin. Seine Trainingseinheiten absolviert er zumeist in den Wäldern des nahen, 3000 Meter hohen Entoto-Berges wie so viele junge Äthiopier, die von einer Karriere wie der ihres Landsmannes Haile Gebrselassie träumen, den Weltrekordhalter im Marathon. Sie träumen nicht unbedingt nachts, denn nach Mitternacht bis in die Morgenstunden bevölkern diese jungen Langstreckler die Strassen von Addis Abeba. Nacht für Nacht nutzen sie die autofreie Zeit fürs Training. Unter ihnen Kidus Gebremeskel.
-Mit Gottes Hilfe schaffe ich das!-
Kidus Gebremeskel, der den Streckenrekord verbessern will
In Würzburg kennt man den schmächtigen Athleten mittlerweile bestens. Zweimal verbesserte er hier seine persönliche Marathon-Bestzeit, zweimal (2005 und 2007) wurde er Zweiter. Zuletzt hoffte er beim Marathon in Berlin auf den grossen Durchbruch. Eine privat organisierte Solidaritätsaktion in Mainfranken machte den Start erst möglich. Immerhin: Kurz hinter dem Brandenburger Tor lief er am 30. September mit einer Zeit von 2:19:38 Stunden ins Ziel und auf Platz 24. Erst auf den letzten Kilometern musste er seinem schnellen Tempo Tribut zollen. Für ihn war es dennoch eine weitere Bestmarke. Aber noch fehlen fünf Minuten zum Sprung in die äthiopische Nationalmannschaft und um sich im internationalen Laufgeschäft zu etablieren.
In Würzburg hat er beim iWelt-Marathon am 27. April eine neue Chance dazu. Dass er zum dritten Mal hier antritt das ist vor allem einem anonymen Spender zu verdanken, der im vergangenen Herbst einen grösseren Betrag überwiesen hatte. Damit wurde neben Berlin ein weiterer Start in Würzburg möglich. Der gläubige Gebremeskel ist dem unbekannten Förderer zutiefst dankbar. Er fühlt sich fit, ist ehrgeizig: Mit Gottes Hilfe schaffe ich das und meint den Streckenrekord in Würzburg. Unter 2:15:40 Stunden müsste er dazu laufen.
Das wäre ein gewaltiger Leistungssprung, der sich auch finanziell lohnen würde: Für den Streckenrekord ist eine Sonderprämie von 2000 Euro ausgelobt. Bei einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von knapp 100 Euro im Jahr wäre sein Lebensunterhalt in Äthiopien für etliche Monate gesichert. Und: Mit einer solchen Leistung dürfte er den einen oder anderen Laufmanager auf sich aufmerksam machen.
Gebremeskel ist Einzelkämpfer. Früh hat er lernen müssen, sich durchzuschlagen in einem der ärmsten Länder der Welt. Die Familie wurde in den 80er Jahren vom trockenen Norden Äthiopiens in den fruchtbaren Südwesten deportiert und dabei auseinandergerissen. Als neunjähriger Bub kam er ins Waisenhaus der Karlheinz-Böhm-Stiftung Menschen für Menschen. So konnte er zur Schule gehen, machte eine Ausbildung zum Mechaniker. Eineinhalb Jahre arbeitete er in einer Autowerkstatt. Doch Gebremeskel spürte sein Talent fürs Laufen, er wurde Profi. Angesichts der Leistungsdichte in Äthiopien ist dies ein hartes Brot.
Dankbar ist er deshalb für die Unterstützung, die er aus Würzburg erfährt. Längst hat er Freunde hier gefunden, bei der Menschen für Menschen Gruppe, aber auch privat. Diesmal wird er überwiegend von Lauftrainer Jan Diekow (Inhaber des Geschäftes Laufstil) betreut. Aber auch die Hotels Stadt Mainz und Amberger nehmen ihn gerne wieder für einige Tage auf, dazu darf er sich bei der Euro-Schule in einem Anfängerkurs an die deutsche Sprache herantasten.
Auch die Residenzlauf-Veranstalter beteiligen sich an den Übernachtungskosten. Schliesslich will Gebremeskel am 20. April auch beim Lauf der Asse rund um die Residenz eine gute Figur machen. Der Äthiopier ist damit der erste internationale Spitzenathlet überhaupt, der im gleichen Jahr den Residenzlauf und den Würzburger Stadtmarathon bestreitet.
Und vielleicht bringt ihm Würzburg ja ähnliches Glück wie seiner äthiopischen Läufer-Kollegin Alem Ashebir. Sie ist im gleichen Waisenhaus aufgewachsen, auch sie war zweimal zu Gast am Main, gewann 2006 den Halbmarathon. Im Dezember siegte sie schliesslich beim Singapur-Marathon und sicherte sich ein stattliches Preisgeld. Sie hat den Sprung geschafft. Kidus Gebremeskel steht möglicherweise kurz davor.
Im Blickpunkt
Abend mit Kidus Gebremeskel Die Würzburger Gruppe von Menschen für Menschen lädt gemeinsam mit dem Stadtmarathon-Verein am Freitag, 11. April, zu einem Abend mit Kidus Gebremeskel ein. Dabei wird er über das Leben und Laufen in Äthiopien erzählen. Beginn ist um 19.30 Uhr in der Evangelischen Studentengemeinde (ESG), Friedrich-Ebert-Ring 27 b.
Bericht Main Post vom 9.4.08
09.04.2008

